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Felix Havenstein (1893-1970)
Ein Heimatforscher, der ein Nazi war


Zum Glück gehöre ich zu den Spätgeborenen, die nicht in Versuchung kamen, trotz meiner Pfadfinder und Entdecker-Allüren, der NSDAP beizutreten, zum Glück. Zum Glück hatte ich auch lehrreiche, gestrenge Eltern, die mich vor der Versuchung bewahrten, in die SED einzutreten, zum Glück. Millionen anderen war dieses Glück der Aufklärung oder Selbstüberlegung nicht hold, deshalb waren Millionen von ihnen im „Tausendjährigen Reich“ in der, wie sich später herausstellte, falschen Partei. Wie sich danach bemerkbar machte, haben bekanntlich wieder weitere Millionen denselben Fehler gemacht, bis es dann 1989 mehrere unabhängige Parteien zur Auswahl gab, und schon kann man wieder in der „Falschen“ sein…..Wie werden unsere Nachgeborenen in 20 Jahren über die derzeitige Parteienlandschaft oder Regierung urteilen, wissen wir das heute???
Felix Havenstein - den meisten sagte der Name bis vor einigen Wochen reichlich wenig - mir als Historiker schon - war in dieser ersteren „falschen Partei“. Ich weiß, wer Havenstein war, denn ich hatte bereits als Kind „verbotene“ Bücher von ihm gelesen, die nicht unbedingt im Kinderbuchverlag der DDR erschienen waren und wußte auch, der Herr Havenstein war Schriftsteller, Archäologe, Lehrer und Heimatfreund und er hatte seinen Lebensmittelpunkt mitten in der Nazi-Zeit. Und er wohnte in Schöneiche und arbeitete zeitweise als Fremdenverkehrsbüroleiter in Woltersdorf. Die meisten seiner Bücher handelten von Heimatgeschichte und Archäologie im damaligen Großkreis Niederbarnim. Dann habe ich auch ein albernes Tingspiel von ihm gelesen, was 1934 zwischen Woltersdorf und Schöneiche aufgeführt werden sollte - und ich wunderte mich ein wenig über den schwülstigen Ton und mußte mir auch erstmal von meinem Großvater erklären lassen, was ein „Tingspiel“ ist. Salopp gesagt, ein Freizeittheater, ähnlich dem Störtebecker-Festspiel auf Rügen, das allerdings den Einritt der Germanen in Germanien vor etwa 3000 Jahren nachstellt und mit Vorliebe während der Nazi-Zeit von Volksschauspielern oder Schulklassen aufgeführt wurde. Ich hatte aber auch ein ganz anderes Büchlein von ihm gelesen, welches „Meine jüdischen Freunde“ hieß und dieses beinhaltete unter anderem die Episode, wie er als Fremdenverkehrsbüroleiter entsetzt mit ansehen mußte, wie jüdische Mitbürger und Pfingst-Ausflügler an der Woltersdorfer Schleuse von der SA drangsaliert und schikaniert wurden. Als bekennender, aber nicht lebensfremder Nationalsozialist beschwerte er sich damals bei der Obrigkeit und - wurde abgewiesen. Er verlor seinen Job, würde man heute sagen und er schrieb wörtlich: „ …der Pfingsttag 1934 war ein schrecklicher Tag, wer konnte damals ahnen, daß noch viel schrecklichere, viel grausigere Tage kommen sollten!“
Völlig korrekt. Denn bevor die Zeit kam, daß Nachbarn reihenweise auf Nimmerwiedersehen verschwanden, daß die Männer eingezogen und wenig später die Gefallenenmeldung vom Ortsgruppenleiter überbracht wurden, bevor die Nächte vor alliierten Bombern in den zugetrümmerten Kellern verbracht werden mußten, wütende Russenhorden über alles, was den Ansatz von Weiblichkeit hatte, herfielen und bevor das hausgemachte Grauen des Krieges sich über Deutschland breit machte, sollten noch weitere 5 Jahre vergehen. Fünf Jahre, in denen es so einigen aus der Bevölkerung wesentlich besser ging als noch vor 1933, in denen den Menschen durch phantastische Propaganda ein Leben in Glück und bescheidenem Wohlstand suggeriert wurde, in denen es mit ihnen und ihrer „kleinen Welt“ vielfach bergauf ging. Warum also sollte man so eine Regierung nicht mit vollem patriotischem Herzen unterstützen?
Havenstein trat 1933 in die NSDAP ein, hielt zum Führergeburtstag im ersten Regierungsjahr eine flammende Rede auf den Reichskanzler Hitler und erklärte freimütig 1938 in einem Lebenslauf, daß er auch schon vor 1933 der NSDAP nahe stand. Bis dahin war für einen einfachen Volksgenossen, der nicht gegen das Nazi-Regime aufbegehrte und/oder zu den verfolgten Bevölkerungsgruppen gehörte, die Welt doch auch noch in Ordnung - für die meisten jedenfalls! Ich habe als Historiker an mehreren Bücher und Filmen über die Zeit des Nationalsozialismus und über den 2. Weltkrieg gearbeitet, habe dazu mit etwa 300 Zeitzeugen persönlich gesprochen - keiner, und nach 50, 60 Jahren muß man sich diesbezüglich nicht der Zensur verpflichtet fühlen (oder neuerdings doch), wußte damals, was z.B. in den KLs konkret geschah. Daß es Lager gab, war bekannt - für „Asoziale“, Kriminelle oder politisch Unbelehrbare - sprich Kommunisten. Kaum einer aber wußte, was sich speziell in diesen Lagern abspielte bzw. was vor allem ab den 40ziger Jahren dort Gräßliches verübt wurde. Kaum einer fragte danach. Fast sämtliche Leute und Funktionsträger damals in unseren Kommunen waren Mitglieder in der NSDAP. In Woltersdorf vom Pfarrer angefangen über den Bürgermeister, den Ortskulturwart, den Gemeindekassenbeamten, den Dorfpolizisten, den Museumsdirektor, den Schuldirektor, die meisten Lehrer, der Ortsarzt, angesehene Handwerksmeister, unser beliebter, greiser Jugendstilkünstler Fidus, weitere Künstler, Kneipenwirte bis hin zum Friedhofsverwalter. Das war zwischen 1933 und 1945 einfach so! In Schöneiche war es nicht wesentlich anders. Und das war bis 1989 mit politisch anderen Vorzeichen wieder so! - Nur daß in der DDR der Pfarrer offiziell aus dieser Aufzählung herausfiel, dafür aber jeder zehnte Seelsorger verdeckt für die Staatssicherheit - auch im Dunstkreis unserer ehrwürdigen Gemeinde - arbeitete. Dies wissen wir aber auch erst, nachdem dieses wohlgehütete Geheimnis nach umfangreicher Öffnung der sogenannten „Rosenholzakten“ 2002 bekannt wurde. Und auch jeder in der DDR kannte den „Antifaschistischen Schutzwall“ - und wieder fragte keiner der Roten Genossen danach, was wirklich an der Mauer geschah! Und alle dem Herdentrieb folgenden Menschen, gemeint sind grundsätzlich Parteimitglieder, waren bis dahin der Meinung, daß sie für eine gute Sache das güldene Bonbon offiziell oder verdeckt an der Brust trugen. Nach der Niederlage vor Stalingrad 1942/43 oder nach den Massendemonstrationen vor dem Palast der Republik 1989/90 waren sich dann allerdings die meisten der (Volks)-Genossen nicht mehr so ganz sicher über ihre vormalige Motivation, diese ihre Partei unterstützt zu haben und alles weitere ging dann ganz schnell den Bach hinunter. Man muß sich nicht darüber echauffieren, wie es ein gewisser Fritsche jüngst im „Neuen Deutschland“ getan hat, daß die Heimatstubenbetreiber in Schöneiche, hinterlistig auf die Rolle von Havenstein angesprochen, den absolut logischen Vergleich äußerten „…..in der SED seien ja schließlich auch viele wegen der Karriere gewesen, und nicht, weil sie die Ansichten der Partei teilten.“ Gut gesagt! Dr. Arthur Pech, Linksparteiabgeordneter aus Schöneiche, der sich als Oberrichter des Felix Havenstein nun mehr hervortut und zünftig dafür im alten Dreck wühlt, braucht sich über solche Vergleiche nicht zu wundern. Mir ist nicht bekannt, ob Herr Pech vor 1990 „die Ansichten seiner ehemaligen Partei teilte oder ob er nur wegen der Kariere“ in dieser gewesen ist - auf alle Fälle schämt er sich heutzutage nicht einmal dafür und arbeitet in einer anderen Partei munter weiter.
Um es mal wieder salopp zu sagen - ich würde klitzeklein mit Hut sein und, schlicht gesagt, einfach mal für den Rest meines irdischen Erdenlebens die Schnauze halten - wenn ich denn mich „sooo sehr“ geirrt hätte mit meiner politischen Weltsicht und jahrelang einer „Unterdrückerpartei“ angehört und diese unterstützt hätte. – Ja, aber es waren doch nicht alles Unterdrücker - es waren Funktionäre, die nur zum Wohle des Volkes und der Arbeiter- und Bauern-Regierung gearbeitet haben!
In Ordnung, aber diese Rechtfertigung gilt dann bitte auch für einige Millionen Mitglieder und „Mitläufer“ der Vorgängerpartei. Lehren kann man bekanntlich erst ziehen, wenn ein Experiment abgeschlossen ist - auch das Experiment BRD ist noch lange nicht abgeschlossen, und schon heute sieht man leicht, daß etliches auch in diesem Lande und mit diesen Parteien nicht so richtig stimmig ist. Wehe dem Parteimitglied in 15 Jahren, das Auslandseinsätze in Afghanistan, sozialen und kulturellen Abbau oder Verhinderung von Mindestlohn heute in seiner Partei propagiert, als „Linker“ in großkapitalistischen Konzern-Vorständen mitarbeitet oder als „Schwarz-Bunter“ in Spendengeldaffären verwickelt ist. Auch wir haben heute nichts in Kabul, Bagdad oder Mogadischu zu suchen - so wie die Generation unserer Großväter - für die ich mich heute tunlichst nicht entschuldige, weil ich zu ihrer „Tatzeit“ noch nicht einmal geboren war - nichts in Stalingrad oder Paris zu suchen hatten.
Doch nun bin ich gänzlich vom Thema abgeschweift. Eigentlich geht es doch um Felix Havenstein - den Heimatschriftsteller und Hobbyarchäologen, für den der Schöneicher Heimatverein versäumt hatte, in der Ausstellung über ihn und seine Biographie daran zu erinnern, daß Havenstein nun mal im 3. Reich seine Karriere als solcher hatte - ganz einfach, weil er in dieser Zeit ganz selbstverständlich und mit dem entsprechendem, damals üblichen Zeitgeist gelebt hat. Was ist nun mit dem Rest? Waren seine Bücher alle schlecht? Waren alle seine Vorträge von blutrünstigem Mord und Totschlag propagierendem Rassenwahn geprägt? Waren seine Ausgrabungen sinnlos oder seine Ausstellungen zur Geschichte der Heimatbesiedlung (die bekanntlich 3.000 Jahre länger ging als nur 12 Jahre NS-Zeit) alle furchtbar unwissenschaftlich?
Es ist auch keine sensationelle „Erkenntnis“ des Dr. Pech, der herausfand, das RFSS die Ausgrabung zur Besiedlungsgeschichte Schöneiches finanzierte und daß Havenstein ihm hierfür offiziell, was ja wohl auch dann selbstverständlich ist, seinen Dank aussprach. Auch heute ist es den meisten wohl völlig egal, wer einem sein Projekt finanziert, wenn er es denn überhaupt finanziert. Heute steht an einer Baustelle: „Dieses Projekt wird gefördert von der Bundesrepublik Deutschland“, - oder aber einem anderen Sponsor. Die Aufgaben der Heimatforschung und Archäologische Förderung unterstanden in der NS-Zeit sehr oft dem Reichsführer SS. Himmler hat allerdings weder die Schippe selber in die Hand genommen noch sich unbedingt auf seinen Baustellen umgesehen. Sein Verwaltungsamt bezahlte lediglich das Projekt.
Nachdem Havenstein nunmehr übelst wegen diesen, seinen für die damalige Zeit völlig normalen Verstrickungen mit dem System gerügt wurde, sollte man sich als Nachgeborener vielleicht einmal über die Verhältnismäßigkeit zu dem von ihm Geschaffenen und Erforschten Gedanken machen. Kritiker sollten sich auch in die damalige Zeit hineinversetzen können.
Seine Einsicht, hohen Idealen wie Vaterlandsliebe, Gemeinschaftssinn, Wissenschaftlichkeit, Anstand und Heimatliebe gefolgt zu sein, um dann festzustellen, die Handlung einer verbrecherischen Führung mit schlimmen Folgen für die Menschheit und für Europa indirekt unterstützt zu haben, war für ihn sicher ein Schock. Es brauchte aber keinen langen Weg der Schlußfolgerung und Havenstein zog seine Konsequenzen. Schon in den „Wütejahren“ des Nationalsozialismus, ab 1940, trat er öffentlich kaum noch in Erscheinung. Nach Kriegsende wurde es nicht nur sehr still um ihn, sondern er verließ auch nach einigen Jahren die SBZ und ging kleinlaut nach Westberlin, wo er im April 1970, auf nie ganz geklärte Weise, bei einem Spaziergang am Landwehrkanal ertrank. Im Gegensatz zu manch anderen Parteimitglieder der nicht gerade rühmlichen SED zog Havenstein nach seinem Irrtum, sich der falschen Partei angedient zu haben, einen Schlußstrich und biederte sich nicht gleich dem nächsten System an. Eine Konsequenz, von der einige Unterstützer der ehemaligen SED-Gilde, in Bezug auf ihr heutiges öffentliches Verhalten, noch etwas lernen können.


Gerald Ramm
Woltersdorf bei Berlin

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